Ein Thema, das mich schon lange umtreibt

Alles, was nicht in eine andere Area passt.

Ein Thema, das mich schon lange umtreibt

Beitragvon MonsieurL » 5. Jan 2023 05:57

Nein, um Skat geht es hier beileibe nicht. Eigentlich auch nicht (vordergründig) um Fußball. Aber am Fußball kann man es ganz schön festmachen. Und außerdem dürfte die Zahl der Interessierten sprunghaft steigen, wenn es um die angeblich schönste Nebensache der Welt geht.

Nun ist sie also schon einige Wochen Geschichte, die erste Winter-WM in der Hitze Arabiens. Für unsere deutsche Nationalmannschaft endete sie wie die vorherige mit dem "desaströsen" Aus in der Vorrunde. Also hatte sich nichts zum Besseren gewendet. Die einst stolze Fußballnation lag und liegt am Boden. Aber hatte sich wirklich nichts im Vergleich zu Russland geändert?

Ich denke schon. Klar, die Abwehr, in den vergangenen Jahrzehnten stets das Prunkstück deutscher Auswahlmannschaften, war erneut nicht sattelfest. Das ist sie übrigens schon Jahre nicht mehr, wie die Ergebnisse im Vorfeld überdeutlich zeigten. Und den vielbeschworenen 9er, die Kante, die vorne alles einschweißt, haben wir - wie viele andere Mannschaften - auch schon lange nicht mehr. Aber während die Auftritte bei der WM in Russland wirklich blutleer und uninspiriert waren, habe ich in Quatar eine spielerisch überraschend gute Nationalmannschaft gesehen. Japan wurde in den ersten 70 Minuten teilweise an die Wand gespielt und gegen die hochtalentierten Spanier fand ich, dass die deutsche Mannschaft das mit Abstand beste Spiel seit vielen Jahren abgeliefert hat.

Aber in der Summe hat es eben nicht gereicht. Ein paar hanebüchene Abwehrfehler, eine katastrophale Chancenverwertung, ein bisschen Pech und fertig war das erneute Vorrundenaus. Die Reaktionen darauf waren genauso panisch, wie es zu erwarten war. Das erste Bauernopfer war schnell gefunden. Den neuen Bundestrainer, der kurz zuvor mit Bayern München noch alles gewonnen hatte, was man im Vereinsfußball gewinnen kann, wollte man nicht gleich in der Wüste lassen, also musste es Oliver Bierhoff sein. Schließlich konnten die Fußballer bei so einer verfehlten Quartierswahl weder Tore schießen noch welche verhindern. Ist doch logisch.

Die nächste Baustelle war auch direkt ausgemacht. In der Nachwuchsarbeit wird nun jeder Stein umgedreht und alles in Frage gestellt. Trainingsmethoden, taktische Schulung, personelle Besetzung, alles schlecht. Nur das meines Erachtens eigentliche Problem spricht kein Mensch an. Kein Journalist, kein Trainer und auch keiner der reichlich interviewten Ex-Nationalspieler, die teils unfassbaren Blödsinn von sich gegeben haben. Was habe ich mich gefreut, dass der sympathische Freiburger Trainer Christian Streich - ohnehin ein Freund klarer Worte - dies endlich mal in aller Deutlichkeit angeprangert hat.

Was aber ist das eigentliche Problem (zumindest in meiner Wahrnehmung)? Ich will euch nicht länger auf die Folter spannen. Hat sich mal jemand gefragt, warum die spärlich vorhandenen Talente in Deutschland zumeist Musiala, Moukoko, Bella-Kotchap oder Bynoe-Gittens und nicht mehr Müller, Meyer oder Schulze heißen? Ein sonntäglicher Spaziergang durch Berlin mit Blick auf diverse Fußballplätze bringt da durchaus erhellendes zu Tage. Geschätzt 70 % der sich dort am Ball vergnügenden jungen Leute sind - nur rein optisch beurteilt - nichtdeutscher Herkunft. Jagen deutsche Jugendliche dem Leder also lieber auf der Playstation nach? Ich vermag es nicht abschließend zu beurteilen. Dazu kenne ich zu wenig junge Leute.

Doch diese provokante These allein ist sicher etwas zu kurz gesprungen. Ich fürchte jedoch, es ist noch schlimmer. Fragt man heutzutage z.B. die wenigen verbliebenen Handwerker, was sie von dem Nachwuchs halten, wird man oft nur verdrehte Augen und ein Abwinken sehen. Mein Schwager, von Beruf Zahntechniker, hat mir Weihnachten eine passende Geschichte zu dem Thema erzählt. Sie haben dort einen Auszubildenden, der - ganz in der Tradition des langjährigen Betriebs - Freitags vor Feierabend den Müll wegfegen sollte. Seine Antwort war, dies stünde nicht in seinem Arbeitsvertrag. Erst als ihm mein Schwager zu verstehen gab, dass er auch nicht verpflichtet sei, dem jungen Mann dieses Handwerk in all seinen Facetten so beizubringen, dass er dadurch eine erfolgreiche Berufslaufbahn hinlegen könne, machte ihn das etwas nachdenklich und ließ ihn schließlich widerwillig zum Besen greifen. Von dem Satz "Lehrjahre sind keine Herrenjahre", den sein Opa meinem Schwager noch mit auf den Weg gegeben hatte, dürfte dieser junge Mann noch nie gehört haben.

Ist also die junge Generation faul und träge? Eine solche These könnte man von einem alten Sack wie mir durchaus vermuten. Schließlich ist das gegenseitige Generationen-Bashing beileibe nichts neues. Als ich noch jung war, hieß es von seiten der Alten auch schon, wir würden nix taugen und umgekehrt hatte der Satz "Trau keinem über 30" absolute Hochkonjunktur. Ich versuche jedoch stets, meine Vergangenheit mit all ihren Fehlern und Unzulänglichkeiten nicht zu vergessen und halte ohnehin nichts von verallgemeinerten Verunglimpfungen. Es gibt zweifelsfrei sehr viele großartige junge Menschen, die ich sehr bewundere für ihre Einstellung, Hilfsbereitschaft und Toleranz. Da hatte ich als junger Mensch nicht wenige Defizite.

Meine Kritik sollte also nicht als Abwatschen der jungen Generation missverstanden werden. Eher sogar als Ohrfeige an uns ältere. Denn wer sorgt denn mit bergeweise Geschenken unterm Weihnachtsbaum oder zum Geburtstag dafür, dass unsere Kinder den Wert von Dingen gar nicht mehr schätzen lernen können. Wie sollen sie lernen, dass man sich Dinge und Annehmlichkeiten hart erarbeiten muss, wenn ihre Eltern, Großeltern, Tanten und Onkels und sogar Freunde der Familie ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablesen, ja sogar schon erfüllen, bevor sie überhaupt ahnen, dass sie ihn haben könnten. Gut gemeint ist leider nicht gleich gut gemacht.

Wir sind einfach als Gesellschaft satt und nachlässig geworden. Unser Jahrzehnte währender Wohlstand hat uns vergessen lassen, dass der liebe Gott vor das Vergnügen den Schweiß gesetzt hat. Und das wird uns über kurz oder lang auf die Füße fallen. Unsere Fußball-Nationalmannschaft ist dafür nur ein Sinnbild. Ohne die Musialas und Moukokos wäre sie schon kaum noch eine Erwähnung wert. Aber die wollen manche ja lieber wieder dahin schicken, wo sie herkamen. So kann man das Problem sicher auch angehen ...
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Re: Ein Thema, das mich schon lange umtreibt

Beitragvon Blackmancity » 5. Jan 2023 22:49

Als alter Hobbygastronom zu dem Thema:

Ich habe für die Feiertage und die Tage dazwischen händeringend Personal gesucht.... An solchen Tagen machen die Jungs und Mädels locker 200+ bar auf die Kralle.....

Ergebnis: Mein Personal bestand aus Kräften über 40 Jahren und aus jungen "Nichtdeutschen"... Auf meine Frage an meine Schüler und Stundenten warum man sich die Kohle nicht mitholt.... Papa bezahlt oder an den Tagen treffe ich mich mit Freunden....

Mittlerweile kann ich froh sein vom Personal her aus einem grossem Stamm schöpfen zu können, am wenigsten Verlas ist dabei auf meine "Urdeutsche" Jugend.

Meiner Meinung nach ist das aber nicht so sehr ein Problem der jungen Menschen selber, sondern ist eher Ihrem Elternhaus geschuldet.

Meine Mama ist in der WHATSAPP Gruppe vom Servicepersonal:

Oma hätte mir nen Fuss in den Arsch getreten wenn ich mit 16 nicht arbeiten gegangen wäre... JA Mama ist ja auch schon ein paar Jahre her
An dieser Stelle müsst ihr euch einen pfiffigen lateinischen Spruch vorstellen!
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Re: Ein Thema, das mich schon lange umtreibt

Beitragvon grunzquiek » 6. Jan 2023 12:11

Mooorgen! :)

Klar, Schimpfen auf die jugendlichen Taugenichtse hat eine jahrtausendealte Tradition, aber:

Hierzulande hat es eine Berechtigung, ich schreibe natürlich nur über meinen Bekanntenkreis:

1. Die Kriegsgeneration:
Sie sind in schwierigen Zeiten groß geworden, sind schon mit 14 oder 15 in die Lehre gegangen, studiert haben nur ganz wenige, und damals hatten sie bestimmt keine komfortablen Arbeitsverträge. Schon vorher haben sie oft in den elterlichen oder anderen Betrieben mitgearbeitet oder bei der Hausarbeit mitgeholfen (Waschmaschinen, Wäschetrockner etc. gab es damals noch nicht). Das war damals ganz selbstverständlich. Nach dem Krieg waren dann alle arm, da mussten sie natürlich auch arbeiten, sonst wären sie schlicht und einfach verhungert. Als es ihnen etwas besser ging, war das Wirtschaftswunder da, und alle wollten arbeiten, um sich einen höheren Lebensstandard leisten zu können. Die Leute waren ihr ganzes Leben lang von klein auf daran gewöhnt, zu arbeiten.

2. Meine Generation:
Da war die Notwendigkeit zu arbeiten schon nicht mehr so da, verhungern ließ man auch Faulenzer nicht mehr. Manche haben schon in den Ferien oder als Zeitungsausträger während der Schulzeit gearbeitet, aber das war eine Minderheit. Die meisten haben den Eltern auf der Tasche gelegen, bis Lehre oder Studium zu Ende waren, und in der Folgezeit auch noch gerne. Gestaunt haben allerdings diejenigen, die sich auf die faule Haut gelegt und dann gesehen haben, dass sich die mit den Nebenjobs mit 18 Autos oder Motorräder gekauft haben, die Eltern haben das damals üblicherweise nicht bezahlt, das sollte sich erst bei der nächsten Generation ändern. Das hat bei dem einen oder anderen schon zu einem Umdenken geführt.

Die Eltern haben schon noch etwas Druck gemacht, aber in erster Linie, weil sie wollten, dass die Kinder "vorwärtskommen" oder einmal "etwas Besseres" werden sollten, teilweise hatte sich auch schon Standesdünkel breitgemacht: Die Kinder vom Apotheker, eher Fälle für die Förderschule, mussten unbedingt aufs Gymnasium, wo sie schon nach einem Jahr mit katastrophalen Noten gescheitert sind. Damals gab es am Gymnasium noch eine Auslese. Die Kinder vom Bürgermeister wurden trotz offensichtlich mangelnder Begabung (das hatten sie wohl vom Vater :twisted: ) mit massenhaft Nachhilfeunterricht und wohlwollenden Lehrkräften bis zum Abitur durchgepampert. Bei Unternehmer- und Akademikerkindern war das auch oft so, wenn sie nicht mit den nötigen geistigen Gaben gesegnet waren, oder sie kamen in ein Internat.

Wer nicht begüterte Eltern hatte und nur weniger schulisch begabt war, hat einen Ausbildungsberuf erlernt und konnte es damit auch "zu etwas bringen". Wenn nach Ausbildung oder Studium irgendein Beruf erlernt war, wurde natürlich gearbeitet, Arbeitslosigkeit wurde teilweise einem Charakterfehler gleichgestellt. Das war etwas, worüber die Nachbarn geredet haben.

3. Die nächste Generation:
Schule ist nicht mehr wichtig, irgendwie wirds schon gehen, notfalls wandert die Familie von Bayern nach Hessen aus, dort darf jeder aufs Gymnasium und bekommt das Abitur, in Bayern konnten die Lehrkräfte aus eigener Unfähigkeit nicht erkennen, dass die Kleinen hochbegabt sind. Vor dem Abi noch schnell ein Jahr Auslandsaufenthalt, dort wo viel Sonne, Strand und Meer sind, bei der Rückkehr erstmal die Klasse wiederholt, weil trotz begeisterter Berichte über das fortschrittliche Schulsystem nichts hängengeblieben ist, nach dem Abi dann irgendein Laberstudium angefangen und auch dabei noch überfordert....

oder garnicht erst das Abi geschafft, weil der Stress und nicht genug Zeit zum Lernen, am Wochenende gehts ja nicht, da muss man in den Club, um sich vom Stress zu erholen oder irgendsowas und die Woche über sowieso nicht. Mit 18 bekommt man von den Eltern ein Auto, das braucht man, wie soll man sonst zu den Freunden oder dem Club kommen, zur Schule oder Uni kann man dann auch nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, das geht in dem Alter nicht mehr. Wenn man das Abi geschafft hat, wird nach dem abgebrochenen Studium erstmal lange garnichts gemacht, man muss sich von dem vorangegangenen Stress erholen und den Burnout behandeln lassen, da ist an Arbeit nicht zu denken.

Irgendwann lässt man sich nach unerträglich gefühllosem Druck der Eltern darauf ein, einen Ausbildungsplatz anzunehmen, was aber wegen ständiger Überforderung schiefgeht, als Azubi wird man nicht immer gleichberechtigt behandelt, das sollte heutzutage eigentlich strafbar sein. Mit fortschreitendem Alter, drohendem Ende der Jugendzeit und finanzieller Erschöpfung der Eltern oder ihrem Finanzierungsstreik wird endlich doch irgendein Beruf erlernt. Dann ist alles paletti und die Eltern dürfen wieder angebettelt werden.

Aber da gibt es auch noch andere: Wer nicht vom Elternhaus auf Rosen gebettet, verwöhnt und bedient wurde, der lernt tatsächlich, ernsthaft zu arbeiten, sogar beruflicher Ehrgeiz und Erfolg sind da möglich. Ich habe junge Kollegen, die nicht weniger arbeitswillig und ehrgeizig sind, als die Arbeitswilligen und die Strebsamen (wozu ich leider nicht so ganz gehörte, woran meine Eltern nicht schuld waren) meiner Generation seinerzeit. Die betreffenden Herren sind übrigens alle Urdeutsche, bei denen gibt es das auch noch!

---> Wenn die Eltern es "zu etwas gebracht" haben und glauben, ihre Kinder würden das ganz natürlich auch können, ohne ernsthaft zur Arbeit oder zum Lernen angehalten zu werden, dann werden sie mit ihrem Nachwuchs ein blaues Wunder erleben!

Diejenigen mit dem Berufwunsch und Elternvorbild "Harzer" aus dem Fernsehen lasse ich mal weg, die sind immernoch eine Randerscheinung. Das hoffe ich wenigstens.

4. Die Nachfolgegeneration:
AUWEIA! :( Das Kleinkind fährt mit dem Elektroauto im Wohnzimmer hin und her, wenn es nicht gerade am Smartphone Filme ansieht, das geht offensichtlich schon, bevor man lesen gelernt hat. Zum Kindergarten und zurück wird es chauffiert, aber auch nur, wenn ihm gerade danach ist, ansonsten hat es schon ein erstaunliches Repertoire an Ausreden, die sogar dann zum Ziel führen, wenn sie nicht mehr geglaubt werden. Ansonsten traktiert es die Oma, weil die Eltern ja immer arbeiten müssen und nach Feierabend keine Energie mehr dafür haben. Wenn man sich überlegt, was man dem Kind schenken könnte, verläuft das ergebnislos, weil es schon alles hat, da bleibt nur irgendwelcher Firlefanz, der nur für die Mülltonne gut ist. Wenn es irgendetwas Unangemessenes haben möchte, reicht die Begründung "die anderen Kinder haben das auch". Ich warte schon auf das vergoldete iPhone mit Diamanten und Goldfransen, das die anderen Kinder auch haben.

Ich vermute, dass die Entwicklung in den Kulturen, die schon vor Jahrtausenden über die nichtsnutzige Jugend geschimpft haben, da ging es wohl um den Nachwuchs der griechischen und römischen Oberschicht, ähnlich war.

"Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, die vierte verkommt vollends."
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Mit generationsübergreifenden Grüßen
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Re: Ein Thema, das mich schon lange umtreibt

Beitragvon Skatfuchs » 6. Jan 2023 12:22

Hallo,

ich sehe einen Teil der Ursachen ähnlich wie meine Vorredner. Offensichtlich ist es der Elterngeneration nicht gut gelungen, den Kindern auch bestimmte "Werte" zu vermitteln und damit das Schätzen von Lebensmitteln, Produkten, Energie usw. Dabei ist es aber auch schwer, eine sinnvolle Grenze zwischen diesen Aufgaben und der zu ziehen, dass es der nächsten Generation "mal besser" gehen soll.

Noch deutlicher sehe ich aber ein Versagen der Politik, die es nicht versteht, sinnvolle Ziele und Ideale in der menschlichen Entwicklung zu vermitteln! Niemand hat es bisher gewagt, an dem Grundsatz "Immer höher, immer schneller, immer weiter" zu rütteln, der bei endlichen Ressourcen und wachsender Weltbevölkerung in einem Verteilungskampf der Menscheit und damit in deren Untergang enden wird.
Ich meine damit die "Wegwerfgesellschaft", bei der 30% der Nahrungsmittel im Müll landen oder 20% der Bekleidung niemals getragen wird.
Dort beginnt nämlich eine sinnvolle Umweltpolitik und nicht nur bei "grünen Bäumen".

Man müsste das ersetzen durch "immer effektiver, immer nachhaltiger, immer zufriedener". Ich rede damit nicht von einer "Minimalismus-Geselllschaft", aber jeder sollte sich fragen, ob er ein Produkt oder eine Dienstleistung wirklich braucht und nutzen kann und sich nicht von einer Werbemaschinerie verdummen lässt.
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Re: Ein Thema, das mich schon lange umtreibt

Beitragvon MonsieurL » 6. Jan 2023 23:21

Oh, das Forum lebt! Wie schön, das zu sehen. :) Und das bei einem so schwierigen und komplexen Thema, welches sehr leicht in Bahnen abdriften kann, die ihm nun wirklich nicht gerecht werden.

Schön zu lesen, dass mein Eindruck, den ich in Berlin gewonnen habe, nicht nur auf die "Stadt der Laster" beschränkt zu sein scheint. Oder vielmehr eigentlich nicht schön, denn die Entwicklung ist m.E. bedenklich. Blackman's Beispiel aus der Gastronomie kann ich für Berlin voll bestätigen. Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass die Anspruchshaltung und Leistungsbereitschaft oftmals diametral entgegengesetzt sind.

Ich habe übrigens den Eindruck, dass es bei der Entwicklung der jungen Leute zumindest teilweise gewaltige schichtspezifische Unterschiede gibt. Vor ein paar Jahren machte ich eine Fortbildung zum Thema Internetmarketing. Dort war ich mal wieder der Methusalem der Gruppe. Über die zumeist sehr jungen Kolleginnen und Kollegen kann ich nur das allerbeste sagen. Fit, kreativ, offen für Neues, lernwillig und - was mich besonders begeistert hat - auf sehr angenehme Art hilfsbereit. Man hat mir, der ich bei Social Media total unbedarft und ungeschickt bin, stets so beigestanden, dass ich nie das Gefühl hatte, in den Augen der "Mitschüler" als dumm oder trottelig zu gelten. Und wenn es dann mal um Themen wie z.B. journalistisches Schreiben ging, bei denen ich mich (naturgemäß) deutlich wohler fühle, wurden meine Ratschläge gern und dankbar angenommen. Eine generationenübergreifende Zusammenarbeit, wie ich sie mir besser nicht vorstellen kann.

Könnt ihr diesen Eindruck, bei dem ich mir keinesfalls sicher bin, bestätigen? Ich sage es ganz offen, eigentlich würde ich mir als Antwort ein Nein wünschen, denn als Alt-Linker habe ich die Fahne der Arbeiterschaft immer hochgehalten. Für Sozialromantik ist aber m.E. bei so einem ernsten Thema kein Platz. Will man Probleme lösen, muss man sie zunächst frei von Vorurteilen zu analysieren versuchen, um sie dann wahrheitsgemäß zu benennen. Wird die Analyse vom Wunschdenken nach dem Motto, was nicht sein darf, nicht sein kann, verwässert, laufen jegliche Lösungsansätze zwangsläufig ins Leere.

Stimmt es also, dass in der jungen Generation die Schere zwischen den sogenannten "Unter- und Oberschichten" immer weiter auseinanderdriftet? Eure Meinung dazu würde mich sehr interessieren. Nebenbei bemerkt, mir gefällt die Wortwahl "Unter- und Oberschichten" überhaupt nicht, weil sie klassifiziert, was nicht klassifiziert gehört. Ich habe die Begriffe nur gewählt, weil für jeden verständlich sein soll, was ich meine und mir keine besseren Begrifflichkeiten in der deutschen Sprache eingefallen sind.

Grunzquiek's Beitrag habe ich mal wieder sehr amüsiert gelesen. Mir gefällt deine Art, komplexe Themen humoristisch zu verpacken, ohne dabei an Ernsthaftigkeit zu verlieren, sehr. :top:

Den Schlussfolgerungen vom Fuchs stimme ich auch voll und ganz zu. Allerdings sehe ich die "Schuld" bei den Fehlentwickungen am wenigsten bei der Politik. Seien wir doch mal ehrlich, ein Politiker, der vom Grundsatz "immer schneller, immer höher, immer weiter" abweicht, würde bei uns nicht gewählt (woanders vermutlich auch nicht). Werte hören wir uns gerne in Sonntagsreden vom Bundespräsidenten an, murmeln beifällig und vergessen sie am Montag wieder. Und konsequentes Handeln, bei dem man dann auch mit den negativen Folgen dieses Handelns leben muss, sind bei uns schon gar nicht gefragt. Guckt euch als Beleg für diese These nur mal die enormen Zustimmungswerte für die wankelmütige Scholz-Politik bezüglich der Waffenlieferungen in die Ukraine an.

Es mag ernüchternd sein, aber die meisten Menschen haben an die Politik genau zwei Ansprüche. Zum einen, den Wohlstand zu mehren oder zumindest nicht zu mindern. Und zum anderen, bloß nichts Grundlegendes zu ändern. Denn Veränderungen machen speziell den Deutschen Angst. Zwischen den Wahlen werden zwar ständig - meist in der Form des undifferenzierten Gemeckers - alle möglichen Veränderungen angemahnt, am Wahlabend aber steht fast immer derjenige als Sieger da, der am glaubwürdigsten Stillstand und Kontinuität verkörpert. Das war schon bei Adenauer so und ist bei Scholz nicht anders.

Am Ende muss man eben feststellen, dass jedes Volk die Politiker hat, die es verdient. Und wenn wir nicht allmählich anfangen, uns selbst in die Pflicht zu nehmen, um Veränderungen in Gang zu bringen, wird das auch noch sehr lange so bleiben.
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Re: Ein Thema, das mich schon lange umtreibt

Beitragvon Skatfuchs » 8. Jan 2023 16:00

Hallo,

ich sagte ja auch, dass jeder dazu etwas beitragen muss in seiner Einstellung zum Konsumverhalten, zur Umwelt, den Nahrungsmitteln und Produkten.
Doch wer soll das der Bevölkerung erklären und vormachen, wenn nicht die Politik?
Zumindest aber die Philosophen und Wirtschaftswissenschaftler und da kommt auch sehr wenig grundlegendes, außer Geschimpfe und Orakel.
Selbst der Philosoph und Publizist Richard David Precht geht da nicht soweit, obwohl er immerhin das bedingungslose Grundeinkommen zukünftig favorisiert.

Wie seht ihr denn aber die Situation zum Skatspiel? Was muss sich denn da verändern oder verbessern, damit es mehr bei der jungen Generation ankommt, als ein kleiner Teil der gesamtgeselllschaftlichen Entwicklung?
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Re: Ein Thema, das mich schon lange umtreibt

Beitragvon HelAu » 8. Jan 2023 18:27

Richard David Precht ist mMn ein ganz schlechtes Beispiel und von einem wahren Philosophen Lichtjahre entfernt. Vor allem seine Unterhaltungen mit seinem Spezl Markus sind unsäglich anzuschauen bzw anzuhören
https://www.ardmediathek.de/video/die-c ... mZhYTVlMmE
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Re: Ein Thema, das mich schon lange umtreibt

Beitragvon mr.kite » 8. Jan 2023 18:41

Was dem Skatspiel helfen könnte? Das Ankommen im 21. Jahrhundert! Aktuell verkommt das Skatspiel leider zu einer Umgebung, in der der Leistungsgedanke mehr und mehr abgelehnt wird, in dem 'Dabeisein ist alles' zählt. Und es taugt noch nichtmal, um gute Fotos zu machen.

Als jemand, der nichtmehr ganz jung ist, aber durchaus noch dieselbe Sprache spricht, erkenne ich aus den vorgehenden Beiträgen meine Welt nicht mehr. Ich bin recht begeistert, was diese neue Generation so alles auf die Beine stellt. Die Ernsthaftigkeit, mit der die heute 16-20jährigen ihre berufliche Zukunft angehen, ist zumindest für mich gewöhnungsbedürftig. Über das gesellschaftliche Engagement, das diese Generation so sehr ausfüllt, wie keine mehr seit 50 Jahren, kann jeder sehen und erleiden. Ja sicher, eine gewisse materielle Übersättigung haben wir als Gesellschaft insgesamt. Das krasseste Beispiel hierfür ist die Gier nach Wohnraum. Noch nie haben wir so viel Wohnraum pro Person genutzt wie derzeit (ca 50qm/Person verglichen mit unter 20qm 1960). Sowohl ökonomisch wie ökologisch die größte Verschwendung, die wir uns leisten. Eher selten sind es übrigens junge Menschen, die deutlich über diesen Durchschnitt hinausgehen. Der Aufschrei über ältere Mitbürger, die teils alleine in 150qm-Häusern residieren, ist allerdings nur schwach vernehmbar. Es ist schließlich leichter, der jungen Generation das nicht getragene T-Shirt vorzuhalten, statt den Balken vor dem eigenen Auge zu entfernen.

Nicht falsch verstehen: Ich finde Gier gut. Aber nicht jeder sieht das so.

P.S.: "Wenn Volks-Philosoph Richard David Precht loslegt, ergreifen Fakten schnell die Flucht." -> Sehr cooler Link, HelAu.
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Re: Ein Thema, das mich schon lange umtreibt

Beitragvon Skatfuchs » 9. Jan 2023 12:24

Hallo,

ich halte das übermässige Konsumdenken für die Ursache allen Übels der Menschheit und beziehe das bei weitem nicht nur auf die junge Generation; und ja dazu gehört auch der Wohnraum.
Nehmen wir doch nur mal das Beispiel der Lebensmittel, was mich am meisten ärgert.
Bei uns gibt es ja das sogenannte "Mindesthaltbarkeitsdatum" in vielen anderen Ländern das "Verfallsdatum". Das erstere hat bei uns zur Folge, dass viele Lebensmittel danach weggeworfen werden, obwohl sie vom Geruch oder Geschmack durchaus noch genießbar sind. Das "Verfallsdatum" bei uns einzuführen, scheiterte meines Wissens nach an der Lobby der Lebensmittelindustrie, die mitteilte, dass sie dann bis zu 25% weniger Lebensmittel herstellen und verkaufen könnte- das sind dann die, die sonst auf dem Müll landen!

Ja und ich sehe das auch so wie Mr. Kite, dass es nicht gelungen ist, das Skatspiel mit in das 21.Jahrhundert zu nehmen, da im Gegensatz zu früher erfolgten Anpassungen des Spieles im Inhalt und den Regeln das Skatspiel in den letzten 30 Jahren nur "verwaltet" wurde und nicht an die neuen Herausforderungen angepasst wurde.
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Re: Ein Thema, das mich schon lange umtreibt

Beitragvon Nosu » 9. Jan 2023 13:42

MonsieurL hat geschrieben:Ein sonntäglicher Spaziergang durch Berlin mit Blick auf diverse Fußballplätze bringt da durchaus erhellendes zu Tage. Geschätzt 70 % der sich dort am Ball vergnügenden jungen Leute sind - nur rein optisch beurteilt - nichtdeutscher Herkunft. Jagen deutsche Jugendliche dem Leder also lieber auf der Playstation nach? Ich vermag es nicht abschließend zu beurteilen. Dazu kenne ich zu wenig junge Leute.

Hallo! Da kann ich aushelfen, ich kenne ein paar junge Leute. Bei meinem sonntäglichen Zwangsaufenthalten auf Berliner Bolz- und Fußballplätzen - ich begleite meinen Erstklässler dorthin - treffe ich sowohl Anton als auch Semir. Und deren Brüder, Freunde und Kumpels mit ähnlichen Namen. Ich würde schätzen, die "Nicht-Deutschen" machen gut die Hälfte aus, das entspricht aber in meinem Berliner Bezirk auch der Einwohnerschaft mit Migrationshintergrund.
Die Nachwuchsarbeit im Fußball krankt nach meiner bisherigen Einsicht auch am "Personalmangel". Die Jugend wird in den meisten Verein von Ehrenamtlichen trainiert und davon gibt es einfach nicht genug. Um den oben genannte Erstklässler, der täglich in allen Pausen und nach Schulschluss nur Fußball spielt, in einem Verein unterzubringen, musste ich einige Vereine durchtelefonieren oder anschreiben. Die Antwort war oftmals, dass es nicht genug Plätze gibt und dringend Trainer im Jugendbereich gesucht werden. Manche führen eine Warteliste (mein Sohn kam einmal auf Platz 26)
Jetzt haben wir einen möglichen Verein gefunden, aber auch dort sind die Plätze knapp. Das Kind muss daher erst drei Probetrainings absolvieren, um aufgenommen werden zu können (es geht um die F-Jugend, nicht 1. Herren!).
Und was den Skat angeht: wir üben schon, aber mein Verein spielt in einer Raucherkneipe. Kein Ort für ein Kind.
Soweit mein Beitrag aus der Praxis :-)
Grüße!
Nosu
 
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Re: Ein Thema, das mich schon lange umtreibt

Beitragvon grunzquiek » 16. Jan 2023 23:40

MonsieurL hat geschrieben:Ich habe übrigens den Eindruck, dass es bei der Entwicklung der jungen Leute zumindest teilweise gewaltige schichtspezifische Unterschiede gibt. Vor ein paar Jahren machte ich eine Fortbildung zum Thema Internetmarketing. Dort war ich mal wieder der Methusalem der Gruppe. Über die zumeist sehr jungen Kolleginnen und Kollegen kann ich nur das allerbeste sagen. Fit, kreativ, offen für Neues, lernwillig und - was mich besonders begeistert hat - auf sehr angenehme Art hilfsbereit. Man hat mir, der ich bei Social Media total unbedarft und ungeschickt bin, stets so beigestanden, dass ich nie das Gefühl hatte, in den Augen der "Mitschüler" als dumm oder trottelig zu gelten. Und wenn es dann mal um Themen wie z.B. journalistisches Schreiben ging, bei denen ich mich (naturgemäß) deutlich wohler fühle, wurden meine Ratschläge gern und dankbar angenommen. Eine generationenübergreifende Zusammenarbeit, wie ich sie mir besser nicht vorstellen kann.
....
Stimmt es also, dass in der jungen Generation die Schere zwischen den sogenannten "Unter- und Oberschichten" immer weiter auseinanderdriftet? Eure Meinung dazu würde mich sehr interessieren. Nebenbei bemerkt, mir gefällt die Wortwahl "Unter- und Oberschichten" überhaupt nicht, weil sie klassifiziert, was nicht klassifiziert gehört. Ich habe die Begriffe nur gewählt, weil für jeden verständlich sein soll, was ich meine und mir keine besseren Begrifflichkeiten in der deutschen Sprache eingefallen sind.


Bei solchen Weiterbildungen habe ich sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht, sowohl als Fortzubildender als auch als (Aushilfs-)Dozent:

"Schichtspezifische" Unterschiede konnte ich dabei schon feststellen, aber nicht in deutlichem Maße. Die Oberschichtenkinder, die schon ein abgebrochenes Dauerstudium mit einer Unzahl an Semestern, gewöhnlich Jura, hinter sich hatten, aber trotzdem im Wohlstand lebten, waren stark erfolgsorientiert und hatten auch die Lernerfolge, wollten mit dem, was sie gelernt haben, einen gut bezahlten Job finden, vielleicht weil die Eltern (endlich) mit dem Zudrehen des Geldhahnes gedroht hatten. Mitentscheidend für den besseren Lernerfolg war dabei mit Sicherheit, dass sie bereits eine bessere allgemeine Vorbildung hatten und an das Lernen an sich gewohnt waren. Diejenigen, die eher ärmlich wirkten und schon lange arbeitslos waren, waren eher resigniert und haben nur gehofft, irgendeinen Job zu finden, die Weiterbildung an sich hat sie weniger interessiert. Der sogenannte "Informatiker" aus einer miserablen Weiterbildung vom Arbeitsamt hat danach einen Job als Busfahrer mit einem Lohn bekommen, den ich schon als Ausbeutung empfunden habe. Den Abschluss hat er nur durch Abschreiben und den Druck auf die Dozenten, möglichst auch den Dümmsten aller Zeiten mit einem Abschluss zu versorgen, geschafft. Es war es fast immer so: Die Leute sollten aus der Arbeitslosenstatistik für eine Weile rausgeholt werden, das hat auch ein Arbeitsamtmensch einmal ganz offen gesagt, und anschließend irgendeinen sozialversicherungspflichtigen Job finden.

--> Manche wollten ihren gehobenen Lebensstandard erhalten (Oberschicht), andere (Unterschicht) wollten überhaupt nur irgendwie ein finanzielles Auskommen ohne besondere Ansprüche haben. Die Unterschiede in den Voraussetzungen langes Studium oder einfache Arbeit waren mitentscheidend. Die Oberschichtenkinder waren dabei im Vorteil.

Deutlicher sind mir altersspezifische Unterschiede aufgefallen:

Die Älteren waren ernsthafter bei der Sache, sie hatten meist schon Familien zu ernähren, die Jüngeren hatten, soweit möglich, eher Interesse daran, die Unterrichtszeit mit irgendwelchen Ballerspielen zu vertreiben.

--> Der meiner Meinung nach entscheidende Unterschied für die Motivation war weder die Schicht noch das Alter: Entscheidend war der Druck von Eltern oder die Verantwortung, seine Familie zu ernähren. Wenn das gefehlt hat, wurde oft nur irgendwie die Zeit totgeschlagen.

Das waren Weiterbildungen für Arbeitslose, die meistens vom Arbeitsamt bezahlt wurden, da gab es aber auch noch andere:

Gleiche Weiterbildungen wie vom Arbeitsamt, aber bei Leuten, die einzelne Bausteine selber bezahlt haben: Hochmotiviert und -konzentriert, wenn's an den eigenen Geldbeutel geht, sieht die Sache ganz anders aus.

Wenn der Arbeitgeber bezahlt hat: ALLE waren hochmotiviert und konzentriert, die Gruppen waren viel kleiner, es waren schon Vorkenntnisse vorhanden, 4 - 12 Personen statt 20, Unterrichtsstoff der einer Arbeitsamtweiterbildung teilweise zu vermitteln versucht wurde, wurde in einem Viertel der Zeit komplett und erfolgreich durchgezogen. Der Unterschied war riesig, sowohl bei den Schülern als auch bei den Dozenten! Die beim Arbeitgeber dafür anfallenden Rechnungsbeträge waren aber auch dementsprechend.

Das ist aber alles schon lange her, es waren zum Großteil Leute, die noch so ganz ungefähr zu meiner Generation gehörten. Wie das bei den Jungen heutzutage aussieht, weiß ich nicht, also kann man dieses lange Geschreibsel auch unter "obsolet" einordnen. :flop:



MonsieurL hat geschrieben:Grunzquiek's Beitrag habe ich mal wieder sehr amüsiert gelesen. Mir gefällt deine Art, komplexe Themen humoristisch zu verpacken, ohne dabei an Ernsthaftigkeit zu verlieren, sehr. :top:
:)
"Es gibt so Tage, da wehen einen die Urfragen der Menschheit an.
Was ist der Mensch? Wo kommt er her? Und warum ist er nicht dort geblieben?"

(Matthias Beltz, Skat- und Bierforscher, Autor, Jurist, Kabarettist)
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Re: Ein Thema, das mich schon lange umtreibt

Beitragvon grunzquiek » 17. Jan 2023 01:53

Skatfuchs hat geschrieben:Hallo,

ich sehe einen Teil der Ursachen ähnlich wie meine Vorredner. Offensichtlich ist es der Elterngeneration nicht gut gelungen, den Kindern auch bestimmte "Werte" zu vermitteln und damit das Schätzen von Lebensmitteln, Produkten, Energie usw. Dabei ist es aber auch schwer, eine sinnvolle Grenze zwischen diesen Aufgaben und der zu ziehen, dass es der nächsten Generation "mal besser" gehen soll.

Noch deutlicher sehe ich aber ein Versagen der Politik, die es nicht versteht, sinnvolle Ziele und Ideale in der menschlichen Entwicklung zu vermitteln! Niemand hat es bisher gewagt, an dem Grundsatz "Immer höher, immer schneller, immer weiter" zu rütteln, der bei endlichen Ressourcen und wachsender Weltbevölkerung in einem Verteilungskampf der Menscheit und damit in deren Untergang enden wird.
Ich meine damit die "Wegwerfgesellschaft", bei der 30% der Nahrungsmittel im Müll landen oder 20% der Bekleidung niemals getragen wird.
Dort beginnt nämlich eine sinnvolle Umweltpolitik und nicht nur bei "grünen Bäumen".

Man müsste das ersetzen durch "immer effektiver, immer nachhaltiger, immer zufriedener". Ich rede damit nicht von einer "Minimalismus-Geselllschaft", aber jeder sollte sich fragen, ob er ein Produkt oder eine Dienstleistung wirklich braucht und nutzen kann und sich nicht von einer Werbemaschinerie verdummen lässt.


Ja, das meine ich auch, aber ich drösel das jetzt mal ein bisschen im Detail auf, so wie ich das sehe:

Meiner Meinung nach ist das Hauptproblem bei der Sache die Politik:

Die heftet sich immer wieder, wenn die Zahlen es erlauben, ein "Wirtschaftswachstum", eine Steigerung des Bruttoinlandsproduktes als Erfolg ans Revers, obwohl es als Maßstab für den realen Wohlstand der Bevölkerung nur bedingt tauglich ist, ich bin an anderer Stelle schon darauf eingegangen. Wenn der Fokus der Wirtschaftspolitik auf volkswirtschaftlichen Kennzahlen liegt, ist nachhaltige Produktion im Sinne von Langlebigkeit der Produkte und dauerhafter Verwendungsmöglichkeit nicht erwünscht, sogar schädlich, so dass die Politik dem manchmal sogar mit großem finanziellen Aufwand entgegenwirkt, wie bei der sogenannten "Umweltprämie" für die Verschrottung mindestens 9 Jahre alter Autos, was genau das Gegenteil von umweltfreundlich war.

Ein weiteres Problem ist die Werbung:

Wenn immer wieder bei jeder kleinen Änderung, wie z. Bsp. bei einer etwas höheren Auflösung bei Fernsehgeräten, suggeriert wird, das sei ein "Quantensprung" (eigentlich sowas wie die geringst mögliche Veränderung :-)), oder ein ganz neues Seherlebnis, dann fallen viele darauf herein, deswegen ist ein erheblicher Anteil der TV-Verkäufe und somit der Produktion nur darauf zurückzuführen, dass ein moderneres Gerät angeschafft wird. Oder wenn im Frühjahr, Sommer, Herbst oder sonstwann irgendeine neue Mode herausgebracht wird,...., es werden Unmengen an Ressourcen verbraucht, für Dinge, die mit dem nach Gebrauchsnutzen bewerteten Wohlstand wenig zu tun haben. Aber das Bruttoinlandsproduktion steigt, die Politik jubelt: Wir sind wirtschaftlich saustark, uns geht es so gut wie nie zuvor!

Natürlich kann sich jeder Einzelne von dem Konsumverhalten verabschieden, aber wenn schon im Kindergarten ein Gruppenzwang entsteht, nach dem neuesten Trend ausgestattet zu sein (früher hat das erst irgendwann im Laufe der Schulzeit eingesetzt), dann will niemand als Außenseiter dastehen, das bringt nämlich Nachteile bei der Sozialisation in der Gruppe. Da überlegen sich die Eltern schon zu Recht, ob sie diese Nachteile in Kauf nehmen wollen.

Dieses konsumorientierte Verhalten der Menschen lässt sich nicht einfach wegverordnen, weil die meisten Menschen zu irgendeiner Gruppe gehören, in der Anpassung an die Normen notwendig ist, um den Rang, das Ansehen und somit den Einfluss in der Gruppe nicht zu gefährden. Eine solche Änderung des Verhaltens in bedeutsamem Maße ist nur langfristig möglich.

Ein wesentlicher Anstoß, eine Beschleunigung der Veränderung könnte tatsächlich nur von der Politik kommen, indem sie das macht, was sie am Besten (unter den nichtschädlichen Dingen) kann, nämlich noch ein paar neue Gesetze erfinden: Zur Lebensdauer und Reparierbarkeit von Geräten (da gibt es schon zaghafte Ansätze), wie vom Fuchs schon angeregt beim Mindesthaltbarkeitsdatum, vielleicht Steuervorteile für Gebrauchtwarenverkauf,... oder dies oder jenes, die Politiker sind doch beim Erfinden von Gesetzen für alles Mögliche kreativer als bei sonst irgendwas. Es wäre nicht schlecht, wenn sie ihre Kreativität auch für sinnvolle Gesetze und ohne üble Hintergedanken einsetzen würden, aber nach meinen Beobachtungen werden solche sinnvolle Dinge bisher von Politikern nur über eine Verteuerung der Produkte (da fällt wieder was für die Staatskasse ab) realisiert oder gefordert, was bei den meisten Leuten automatisch zu einer Verärgerung und bei vielen zu einer Trotzreaktion führt. Überzeugen kann man so niemanden!

Wie kann man die maßgeblichen Politiker dazu bringen? Gar nicht, mit dem auf absehbare Zeit verfügbaren Spitzenpersonal geht das nicht. :flop:

Fazit: Es bleibt dabei, jeder kann sich selber überlegen, wie er sein Verhalten ändern könnte und möchte, es wird sehr lange dauern, bis sich eine Änderung in großem Maßstab einstellt, weil die Politik das nicht wesentlich beschleunigen wird, obwohl sie es könnte.
"Es gibt so Tage, da wehen einen die Urfragen der Menschheit an.
Was ist der Mensch? Wo kommt er her? Und warum ist er nicht dort geblieben?"

(Matthias Beltz, Skat- und Bierforscher, Autor, Jurist, Kabarettist)
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